Über mich
Wenn ich eines nicht gern tue, dann über mich selbst schreiben.
Ein Versuch: Idealerweise sitze ich den ganzen Tag an einem sonnigen Plätzchen und darf lesen. Oder ich tue das Zweitbeste und stelle Fragen. Am liebsten die großen Fragen (Warum sind wir hier?) und die kleinen Fragen (Was frühstückst du gerne?).
Ich bin Politikjournalistin, Chefreporterin von The Pioneer und verantworte unseren täglichen Gesellschaftspodcast "Der 8. Tag".
Davor war ich Politikredakteurin der Rheinischen Post. Ich mag türkische Lyrik und deutsche Prosa, Russischen Zupfkuchen und Rakı, Menschen, die sich benehmen können, und Friedrich Nietzsche.
Zu meinen Herzensthemen gehört neben der Literatur vor allem gesellschaftlicher Zusammenhalt, Teilhabechancen für sogenannten Minderheiten - die in ihrer Akkumulation alles andere sind als eine Minderheit - und Bildungsgerechtigkeit für Kinder aus allen sozialen und ökonomischen Millieus.
Zum Journalismus...
... bin ich durch das Schreiben gekommen. Entwickelt hat sich alles ausgesprochen konvenzionell:
- Angefangen hat alles mit einem Praktikum beim Bonner General-Anzeiger.
- Das Praktikum hat mir gefallen, meine Arbeit den Kollegen, so schloss sich der Hospitanz eine Stelle als freie Autorin an.
- Der nächste Schritt war ein Volontariat - dafür zog ich in den hohen Norden der Republik und zu den Kieler Nachrichten.
- Es folgten: Volontariat, Akademie für Publizistik in Hamburg, das RedaktionNetzwerk Deutschland und ein kleiner aber feiner Preis: der schleswig-holsteinische Journalistenpreis der Kategorie Nachwuchs.
- Nach dem Volontariat übernahmen mich die KN und ich wurde Schleswig-Holstein-Reporterin.
- Von der Förde ging es dann wieder zurück an den Rhein und ich begann als Politikredakteurin für die Rheinische Post zu arbeiten.
- Wenn schon Politik, dann richtig - und um die Gewässer-Metapher völlig auszureizen ging es an die Spree. Seit dem 1. April 2020 bin ich Chefreporterin für unser Medien-Startup The Pioneer.
Zur Politik...
... kam ich gezwungenermaßen, könnte man sagen.
Ich bin im Jahr des Mauerfalls in Bad Honnef geboren.
Ich war Kind von Ausländern, ich war Enkelin von Gastarbeitern, ich war Schülerin mit Migrationshintergrund, als Studentin stellte ich mich an die Schlange der "Bildungsinländer*innen".
Die Liste der Label und Titel könnte ich unendlich fortführen. Was alle Bezeichnungen eint: ich und meinesgleichen, die dunkleren, schwarzen, braun gesprenkelten, deren Vätern gebrochen deutsch Sprachen, deren Mütter manchmal Kopftücher trugen, wir waren die anderen.
Ich fiel durch viele diskriminierende Raster, weil ich Glück hatte - nicht durch alle Raster, aber durch viele. Meine Mutter trug kein Kopftuch, sah blendend aus und konnte eloquenter für uns kämpfen als viele andere. Ich war ein ausgesprochen braves Kind, dass vor der Einschulung in zwei Sprachen lesen und schreiben konnte - an mir gab es nicht viel abzuarbeiten. Bis auf gängige Hänseleien und Beleidigungen verbrachte ich meine Kindheit weitestgehend unbeschadet.
Doch das Anderssein hatte die unangenehme Folge, dass ich nicht ich war, sondern die Türkin.
Ich war Repräsentantin eines ganzen Landes, musste jeden Sinn und Unsinn, der in der Türkei passierte, kommentieren, Stellung nehmen und vor allem: erklären, erklären, erklären. Gehobener diplomatischer Dienst könnte man das nennen. Das kann auch durchaus mal interessant sein, aber es gibt einen Grund, warum das ein gut dotierte Spitzenjob ist.
Wie ich also zur Politik kam? Nun, ich hatte gar keine andere Wahl.
Spätesten mit dem Einzug Erdoğans an Spitze des türkischen Staats und der deutschen Medien konnte ich es mir schlichtweg nicht mehr leisten, nicht politisch zu sein.
Nun gibt es natürlich schlimmeres, als sich politisch zu bilden. Vermutlich hätte ich mich ähnlich gebildet, wenn meine Eltern nie nach Deutschland gekommen wären, ich eine Türkin unter Millionen Türkinnen gewesen wäre. Ziemlich sicher hätte ich mich auch dort politisiert - aber eben intrinsisch motiviert. Nicht weil andere mich zum Objekt politischer Diskussionen machten.
Sei's drum. Ich musste mich also im Islam anders auskennen, als die meisten Christen in ihrem Christentum. Wissen, wann wer wie welche Rechte in der Türkei bekommen hatte, wer was gegründet hatte, was die Osmanen mit Dschingis Khan zu tun haben, was Atatürk bedeutet hat, wie der türkisch-kurdische Konflikt entstanden und wie er nicht zu lösen sein würde, weshalb die Türkei mal einen Platz in der EU verdient gehabt hätte und mittlerweile daran kein Interesse mehr zu haben scheint, warum viele Deutsch-Türken die AKP gewählt und weshalb man an Ramadan nicht unbedingt eines Hungertodes sterben muss - als Teenager.
Und während ich in all diesen Themen sprechfähig sein musste, ging es natürlich auch darum, mich, meine Familie, meine Verwandtschaft, die Türkei, ihre Politik, ihre Menschen, ihre Kultur so zu erklären, dass es j e d e r versteht, aber bitte bitte keiner sich vor den Kopf gestoßen fühlt.
Wenn eine Kommilitonin an der neuen Universitätsheimat Heimat also wissen will, ob Istanbul eigentlich einen Flughafen hat, dann antwortete ich einfach: Ja, zwei.
Ich wünschte manchmal ich wäre cooler gewesen, hätte mich bei Fragen wie diesen und schlimmeren einfach umgedreht und wäre gegangen. Doch dem war nicht so. Damals zumindest. Mittlerweile ist es anders. Nicht weil ich cooler geworden wäre, sondern älter und müder.
Man hat einfach weniger Zeit.
Aber immer noch erkläre ich. Erkläre, erkläre, erkläre. Mehr als früher aber erzähle ich auch.
Ich habe verstanden, dass mehr als Zahlen und Fakten - die, wenn sie einem nicht in den Kram passen, einfach wieder vergessen werden können - Geschichten, Eindruck hinterlassen.
Weil der Mensch immer noch am ehesten am Menschen interessiert ist. Und natürlich ist auch das manchmal ermüdend.
Warum ich es trotzdem tue?
Nun, unbegründet oder nicht: Ich hoffe, dass es die Mädchen und Jungen nach uns nicht mehr tun müssen.
Ach und eins noch, weil ich so oft danach gefragt werde, wie ich bezeichnet werden möchte:
Eigentlich einfach mit meinem Namen. Ich heiße Alev Doğan.
Wer mehr braucht:
Ich bin Frau, Journalistin, Autorin, Podcasterin, ich bin Deutsch-Türkin, türkische Deutsche - sucht euch etwas aus. Und weil das auch oft gefragt wird: Ich habe nicht eine oder zwei Identitäten, sondern hunderte. Und es würde mich traurig machen, wenn ihr nur eine habt.
Und ja, ich fühle mich gleichermaßen türkisch und deutsch. Manchmal überwiegt das eine, manchmal das andere. Willkommen im Identitätschaos - es ist anarchisch hier und macht Spaß.